Medientage München – Jurassic Park mitten in München

Mit einiger Neugier bin ich heute auf die Medientage in München gegangen. Auf besonderes Interesse stieß bei mir die Diskussion zum Thema:

„Branche im Freien Fall? Qualitätsjournalismus in Zeiten von Wirtschaftskrise und Digitalisierung“

Die Runde war interessant besetzt:

Prof. Dr. Stephan Weichert (Macromedia), Wolfgang Blau (Chefredakteur ZEIT Online), Rainer Meyer (alias Don Alphonso, blogged für die FAZ.net), Ulrich Reitz (Chefredakteur Westdeutsche Allgemeine Zeitung), Bernd Gäbler, (Publizist)

Meine Erwartungen waren entsprechend hoch, denn schließlich arbeiten die meisten dieser Runde genau daran, das journalistische Modell aus Print in die Neue Welt der digitalen Medien hinüber zu retten und Strategien gegen das Zeitungssterben zu entwickeln– sollte man meinen.

Umso enttäuschter war ich, als es primär um das Thema Qualität und Positionierung der einzelnen Verlängerungen der Print Produkte im Internet ging und dabei sehr tradierte Konzepte präsentiert wurden. Am Ende waren sich alle einig, dass Journalismus lokaler werden müsse, alle Redakteure der Onlineredaktionen nun mit eigenen Cams ausgestattet werden sollten, um über die Dinge um die Ecke berichten zu können (WAZ, ZEIT), oder bekannte Themen unter einem neuen Blickwinkel darstellen sollten (USP der ZEIT online). Alle waren sich einig, dass das Internet schneller sei und unmittelbarer und man sich darauf einstellen müsse

…im Jahre 2009 nach dem Untergang vom Brockhaus und der Enzyklopaedia Britannica als Printausgaben, dem Zusammenbruch der Musikindustrie und dem Einsetzen des Zeitungssterbens in den USA eine sensationelle Erkenntnis!

Einen Kontrapunkt zu den Etablierten sollte wohl der etwas selbstverliebte, unter dem Dach von FAZ.net bloggende Blogger Alphonso bieten, der meinte, Journalisten müssten einfach werden wie er. Dann würden sie erstens mehr Geld verdienen und zweitens erfolgreich sein.  Ihn interessiere nicht der Nutzer. Die Nutzer würden ihn einfach gerne lesen, denn er Berichte aus dem Herzen des verschwindenden Bürgertums, z.B. über die obligatorische Silberschale als Schlüsselablage in den Eingängen der Häuser besagter Schicht.  Seit dem er von Frank Schirrmacher (Herausgeber der FAZ) aufgefordert worden sei für die FAZ zu bloggen hätte er so viele Abwerbeangebote der Konkurrenz bekommen, die nur verdeutlichten, wie einmalig sein journalistisches Konzept sei. Er hätte diese Sachen und das noch höhere Gehalt nicht nötig und würde alle Verleger auffordern, selber innovativ zu sein und mehr Leute wie ihn hervorzubringen, anstelle bei ihm anzurufen – so sein Schlusswort.

Auf die Frage von mir, ob Google und deren Nutzer, die bei manchen Inhalteportalen bis zu 80% der Leserschaft ausmachen würden, Einfluss auf ihre Journalistische Tätigkeit hätte(n) und sie sich nicht eher fragen sollten, was sucht der Leser über Google, bevor Sie anfangen zu schreiben, trat blankes Entsetzen in die Augen mancher Podiumsteilnehmer – bis auf WAZ-Mann Ulrich Reitz, der lächelte und cool blieb. Ein Stakkato von Widerreden folgte: Optimierung für Google sei nicht journalistisch, das würden nur Spammer minderwertiger Inhalte nötig haben (sinngemäß wider gegeben) bis zu: „In unserem Hause kommen nur 20 bis 50% der Nutzer von Google“ (ZEIT), wie ich denn auf einen so hohen Anteil kommen würde, oder die Aussage: „die Nutzer von Google auf meinem Blog sind  der größte Schrott. Sie seien nach ein paar Millisekunden wieder weg“ (sinngemäß). Meine Nachfrage, ob er sicher sei, dass 90% der Internet nutzenden deutschen Bevölkerung tatsächlich „Schrott„ seien und ob es u.U. daran liege, dass sie nicht das finden würden, was sie bei google gesucht hätten, wurde mit noch etwas mehr Aufregung quittiert und dem Hinweis von Prof. Weichert, dass Don Alphonsos „Modell“ ein anderes sei…

Warum tun sich klassische Medien bei der Umstellung auf die Internetrealität so schwer? … Seit heute weiß ich es.

Sie ignorieren die durch google, facebook & co. eingeleitete Veränderung des Leseverhaltens und insbesondere die durch sie veränderte Art und Weise, wie Leute nach Inhalten suchen und sie finden.  Sie ignorieren, dass Ihr Geschäftsmodell dadurch in seinen Fundamenten erschüttert ist. Sie ignorieren, dass dies auf den journalistischen Beruf bzw. dessen Berufsbild große Auswirkungen haben wird und auch schon hat. Sie ignorieren, dass wir in einem Monopol leben, das Google heißt, das zum einen ein Segen für Nischen ist, denn nur durch das Monopol werden Nischen plötzlich wirtschaftlich mit Inhalten bedienbar, das zum anderen aber auch Fluch ist, denn stellt man sich nicht auf Google oder etwas weiter gefasst auf die Realitäten des Internets und der Digitalisierung ein, geht man unter.

Ich empfehle Euch, geht hin zu den Medientagen!

Wenn nicht dieses Jahr, dann vielleicht noch nächstes Jahr

Ihr erlebt eine Welt, wie sie schon bald nicht mehr live erlebbar sein wird

… Jurassic Park hatte auch nur 3 Folgen!

Autor: Christoph Röck

Links:

Medientage München

Don Alphonsos Blog

Thomas Knüwer berichtet von einer ähnlich absurden Diskussion auf den Medientagen:

Handelsblatt

René Seiferts Blogbeitrag auf dem e-Lab Blog ist auch lesenswert

Tags: ,

6 Responses to “Medientage München – Jurassic Park mitten in München”

  1. Guter Artikel, geile Schlusssätze!

  2. [...] und Verleger die Suchmaschine im eigenen Sinn zu nutze machen kann, wie Christoph Röck in seinem “Jurassic Park”-Vergleich treffend [...]

  3. Tim Hoesmann says:

    In der Tat haben einige Veranstaltungen hier in München etwas erschreckendes. Da wird versucht mit Konzepten von vorgestern, die schon heute nicht mehr funktionieren, die Probleme von morgen zu lösen.

    Ein sehr treffendes Zitat finde ich auch:
    “Wenn man einen Friedhof neu organisieren möchte, macht es keinen Sinn die Leichen zu fragen.”

  4. [...] This post was mentioned on Twitter by Hugo E. Martin, Inge Seibel and René Seifert, MainzerMedienDisput. MainzerMedienDisput said: Warum tun sich klassische Medien bei der Umstellung auf die Internetrealität so schwer?RT @reneseifert: "Jurassic Park" http://bit.ly/FEI22 [...]

  5. Sascha says:

    Gute Worte. Habe das alles nur via Berichterstattung mitbekommen und war auch so schon stark enttäuscht. Traurig wie die “Entwicklung” stehen bleibt.

  6. W. Blau says:

    Wg. Anteil des Google-Traffic: Nicht “20 bis 50 Prozent”, sondern nur etwa 20 Prozent. Ein Wert, den wir für viel zu niedrig halten und deshalb auch steigern möchten. Die Vorstellung, wir würden Google oder Facebook ignorieren, geht aber ebenso am Thema vorbei wie die Moderation dieser von Ihnen zu Recht kritisierten Veranstaltung.

Leave a Reply