Bedeutet die Krise der Zeitungen das Aus für den Qualitätsjournalismus? Der unvollständige Versuch einer Bestandsaufnahme und der Versachlichung der Diskussion:
Das Zeitungssterben scheint in jüngster Zeit eines der dominierenden Themen der Eigenberichterstattung der Medien zu sein. Viele Zeitungen und Zeitschriften berichten über ihren kurz bevorstehenden Abgesang. Andererseits scheinen in Deutschland noch keine wirklichen Antworten gefunden worden zu sein. So wurden auf den münchener Medientagen 2009 Abomodelle als das Modell der Zukunft gepriesen, oder insgesamt eher konzeptlose Podiumsdiskussionen abgehalten.
Google ist schuld
Einige Verleger schmieden Allianzen gegen Google, also gegen die Suchmaschine, die ihre Existenz kosten würde, da sie ihre Inhalte umsonst suchbar und kleine Absätze von ihnen auf der Google Newsseite veröffentlichen würde, ohne die Verlage an den Erlösen partizipieren zu lassen. Sie wollen medienwirksam Ihre Inhalte Google entziehen und riskieren damit signifikante Online-Leserschaft zu verlieren und „nur“ noch über die Strahlkraft ihrer Marke präsent zu sein. Sie schneiden sich damit aus mener Sicht ins eigene Fleisch, ohne das eigentliche Thema ihrer Branche zu adressieren:
Googlenews und das Zeitungssterben in einen unmittelbaren Zusammenhang zu stellen ist sicherlich auch deshalb angebracht, weil es die Öffentlichkeit etwas mehr für das Googlemonopol und dessen Gefahren sensibilisiert. Nüchtern betrachtet wird jedoch außer Acht gelassen, dass Zeitungssterben nichts wirklich Neues ist und es das Thema schon Lange vor dem Suchmonopol von Google gab. Allerdings fing es bei den Erlösen der Zeitungen an und nicht beim Leser: Ebay machte das Leben von Kleinanzeigenblättern schwer, Mobile und Autoscout räumte den Markt für KFZ-Anzeigen bei Zeitungen ab, Immobilienscout tut dies im Bereich Immobilien, Monster, Stepstone, Experteer und co. im Bereich Jobs, Craigslist in Kalifornien für sämtliche Kleinanzeigenmärkte. In den meisten Fällen geschah dies zu dramatisch anderen Kosten und Preisstrukturen als dies die Zeitungen bisher kannten. Vielleicht verschliefen viele Zeitungsverleger deshalb diesen Zug.
Insofern überrascht die Aktualität des Themas Zeitungssterben momentan, denn ökonomisch hat das Zeitungssterben bereits vor Jahren eingesetzt. Vielleicht ist es damals nicht bis in die Redaktionen der Zeitungen vorgedrungen, sondern blieb Erkenntnis der kaufmännischen Leiter. Nun wurde es von allen bemerkt und ist auch in den Redaktionen angekommen. Es wird klar, dass neben ökonomischen Veränderungen jetzt auch noch Leserbewegungen einsetzen. Immer mehr Leser kehren den Offlinezeitungen den Rücken und informieren sich ausschließlich online und das insbesondere in der jüngeren Generation.
Krise des Qualitätsjournalismus = Zeitungssterben?
“Die Umsonstmentalität des Internets mache Qualitätsjournalismus undurchführbar… „ Diese These wird häufig in Artikeln, die das Zeitungsserben beklagen angeführt.
Ich habe den Eindruck, dass dies die bequemste aller Erklärungen ist. Sie lässt außer Acht, dass die „Umsonstkultur“ des Internets u.U. auch ihre Ursache in der Dezentralität des Ansatzes hat und in der weltweiten Verfügbarkeit veröffentlichter Inhalte. Das ist fundamental anders als im Printbereich. Es wird also außer Acht gelassen, dass die Kostenstrukturen für die Inhalteerstellung und Verteilung im Internet und im Bereich Print fundamental anders sind und alleine deshalb sich eine automatische Forderung nach einem Paid Content Modell nicht ableiten lässt.
Ohne dass ich nun ein echter Zeitungsfachmann bin, fallen mir im Bereich Zeitung spontan folgende Kostenpositionen ein, zu denen es Online keine Entsprechung gibt, oder solche gibt, die betragsmäßig nicht mehr ins Gewicht fallen:
Druckvorstufe, Druckkosten, Papierkosten, Distributionskosten. Bis auf letztere, denen man Bandbreitenkosten gegenüberstellen könnte, gibt es im Onlinebereich keine Entsprechung. Defakto findet also eine Verkürzung der Wertschöpfungskette statt. Es zeigt sich wieder mal, dass das Internet in den meisten fällen eher eine Prozessinnovation ist, als eine Produktinnovation.
Absenkung der Markteintrittsbarrieren
Ähnlich sieht dies für Markteintrittsbarrieren aus. Auch hier muss man als journalistisch ambitionierter Autor weder in teure Druckgeräte investieren oder in eine Erstauflage, von der man zunächst nicht weiß, ob sie ihren Leser findet und die Kosten des Druckes wieder reinholt. Man könnte nun argumentieren, dass man auch die Programmieraufwände mit einbeziehen müsse. Allerdings gibt es mittlerweile Software, die kostenlos verfügbar ist, mit der es sehr einfach ist Inhalte zu veröffentlichen.
Selbst beim Thema Distribution kann ein Autor über die Optimierung seiner Beiträge für Google entsprechend seine Leserschaft aufbauen. Hier ist im übrigen das Monopol in der Suche sicherlich ein positiver Faktor und sorgt für Vielfalt, da Geschäftsmodelle in der Nische plötzlich durch das Googlemonopol profitabel sind, da das Angebot nur auf ein Gateway optimiert werden muss.
Es gibt im Internet so gut wie keine Eintrittsbarriere journalistisch tätig zu werden. Das ist doch eigentlich eine echte Chance für die Vielfalt!
Schließlich kann jeder veröffentlichen, der meint, er würde für den Leser interessanten Stoff produzieren. Der Leser entscheidet am Ende und nicht eine Redaktion oder ein Verleger… (so geschehen z.B. bei diesem Beitrag).
Leser können trotzdem dem Redaktionsmodell ihren Glauben schenken und eben doch lieber zur ZEIT.de oder zu Spiegel.de surfen und sich dort mit in ihren Augen glaubwürdiger Information versorgen. Eine Pluralität der Stimmen hat eigentlich noch nie zu einer Abnahme der Qualität geführt.
Wegfall regionaler Oligopole
Durch das Internet wird auch deutlich, dass die vermeintliche Informationsvielfalt, die wir den Offlinezeitungsmärkten unterstellen, vielleicht gar nicht so vielstimmig ist wie wir annehmen:
Zeitungsmärkte offline sind in der Regel lokal. D.h. es gab ein bis zwei lokale Zeitungen und parallel noch eine Hand voll überregionaler Zeitungen, wie die FAZ, die Welt und die Süddeutsche. D.h. in München hat z.B. der Leser die Wahl zwischen Münchener Merkur und den überregionalen Blättern. Lässt man TZ und Bild mal außen vor kann man hier aus 4 Blättern wählen. Es existiert ein klassisches Oligopol. Dies gilt annähernd für jeden Ballungsraum in Deutschland.
Was ist Online passiert? Neben den oben beschriebenen abgesunkenen Eintrittsbarrieren für Newcomer haben die Zeitungsverlage Ihre Konzepte 1:1 ins Internet gestellt. Mit dem einen Unterschied: Das Internet ist nicht regional sondern im Minimum sprachraumbezogen. Plötzlich waren die Inhalte aller Regionalzeitungen und überregionalen Zeitungen deutschland- ja sogar weltweit verfügbar. Die Zeitungen hatten plötzlich kein regionales Oligopol mehr, sondern befinden sich in einem waschechten Polypol. Dies hat natürlich dramatische Auswirkungen. Es ist kein Wunder, dass Anzeigenpreise verfallen.
Austauschbare Inhalte
Verschärft wird das ganze durch austauschbare Konzepte und identischen Aufbau der Angebote. Alle Zeitungen sind seit je her annähernd gleich strukturiert in Politik, Wirtschaft, Finanzen, Kultur, Feuilleton, Sport und Lokales. Alle bedienen sich bei den aktuelleren Themen den gleichen Quellen: Nachrichtenagenturen, wie Reuters, AP, DPA und andere. Es kommt nicht selten vor, dass echte Nachrichten fast wortgleich in den verschiedenen Blättern wiedergegeben werden.
Eine These von mir ist, dass (Tages-) Zeitungen sich zwar über den eigenen journalistischen Teil differenzieren, dass aber die Nutzungsfrequenz auch online sehr stark aus dem Nachrichtenteil herrührt, dem Teil, der sehr häufig durch Dritte (Nachrichtenagenturen) zugeliefert wird. Warum muss ich einem Blatt im Internet treu bleiben, wenn ich exakt gleiche oder sehr ähnliche Inhalte auf hunderten anderer Seiten ebenfalls finde? Diese Frage musste sich kein regionaler Zeitungskönig im Offlinezeitalter stellen.
Austauschbarkeit der Konzepte und Inhalte und eine dramatische Zunahme der sprachraumweit verfügbaren Zeitungen im Internet haben zum Verfall der Zeitungsmärkte im Internet geführt. Dies hat neben den eingangs beschriebenen Wegbrechen weiter Teile der Anzeigenmärkte natürlich Auswirkungen auf Vermarktungserlöse. Der Branche steht eine natürliche Konsolidierung bevor. Dies umso mehr je mehr Nutzer Nachrichten online lesen und offline Ihre Zeitung abbestellen.
Ausblick
Ich finde es sentimental vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen wie derzeit verbreitet nach dem Staat zu rufen, damit dieser ein Notopfer oder ähnliches für Zeitungen einführt. Aus meiner Sicht geht das komplett am Thema vorbei.
Es bleibt den Verlegern aus meiner Sicht nichts anderes übrig, als sich entweder zu Differenzieren oder dem Verdrängungswettbewerb zu stellen. Eine mögliche Strategie wie eine Differenzierung aussehen könnte sieht man z.B. an der Online Politikzeitung Politico in den USA, deren Geschäftsmodell im Spiegel beschrieben wird, oder an den vielen guten Fachblogs.
Autor: Christoph Röck
Tags: Google Monopol, Zeitungssterben